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Gedichte und Gedanken®

Winterthur, 1995
Die Welle (ein Aufsatz aus meinen Jugendjahren)

Das Bild, welches ich vor mir sehe, wenn ich an eine Welle denke, ist eigentlich gar kein reales Bild, sondern eine Versinnbildlichung meiner Emotionen. Ich spüre die Welle, empfinde ihre Farben und Bewegungen.

Die Welle verkörpert die pure Natur, sie berührt alle vier Elemente derselben: Wasser, Luft bzw. Himmel, Erde bzw. Stein und das Feuer bzw. das Licht. -

Meiner Welle Mutter ist das Wasser und ihr Vater wird durch den Wind, d.h. die Luft verkörpert.
Durch das Zusammenspiel von Mutter Wasser und Vater Luft wird meine Welle in die Arme ihrer Mutter geboren.
Sie ist noch sehr klein und schwach und ihr Vater greift ihr, sie durch seinen Luftzug liebkosend, unter die Arme.
Sie braucht diese Unterstützung, diese Energie des Antriebs, um nicht nur ganz wie ihre Mutter Wasser zu sein, sondern um zu einer Welle heranzuwachsen.
Und mit den Metern, die sie im Wasser zurücklegt wird sie grösser und stärker.
Die Mutter meiner Welle geht in sie über, das Wasser wird zur Welle.
Die Welle fällt wieder und verkörpert jetzt ihre Mutter, bevor diese sie geboren hatte.
Dergestalt schreitet das Dasein meiner Welle fort, denn sie ist nicht nur Welle, sondern auch Wasser.

Die Welle ist ganz sie selbst, d.h. die Verbindung von Mutter und Vater hat in ihr deren Vollendung gefunden.
Im Element des Feuers findet sie ihre Liebe. Das Licht wird zu ihrem Freund.
Zärtlich umspielt es ihr Wesen, ihre Form und Bewegung.
Manchmal scheint es als würde meine Welle in Begleitung ihrer Liebe zu ihrem Vater, dem Himmel, zurückfinden.
Die Farbe, die ihr geschenkt wird, mit all ihren hellen Glitzern und den matten Schatten, lassen sie in Einheit mit den Wolken des Himmels stehen.
Aber wie meine Welle nicht zu Wasser geworden ist, wird sie auch nicht ein Bestandteil des Himmels werden.

Ihr Leben ist durch den Charakter ihrer selbst, der Welle, bestimmt.
In ihr finden alle Komponenten der Natur ihren Einschlag und treiben sie.
Ihre Bewegung wird immer dynamischer, reissender und wuchtiger, bis sie schliesslich beinahe einen gewaltsamen Eindruck erweckt.
Sie hat eine enorme, fast furchterregende Grösse erreicht, sie schliesst Bekanntschaft mit dem toten Punkt und überschlägt sich mit einem lauten Tösen.
Doch dieses Stadium wird meine Welle ebenfalls hinter sich lassen, denn vor ihr ragt ein standfester Felsen aus dem Wasser.
Er gebietet meiner Welle Einhalt, aber der Sog der Dynamik in ihrem Wesen erlaubt ihr dieses Ende nicht ohne Konfrontation.
Sie muss gegen den Felsen schlagen.
Dieser letzte Akt raubt ihr aber nicht das Leben, es mag wie ein verzweifelter Kampf vor dem Tod scheinen und tönen, aber in Wahrheit ist es der Moment der Rückbesinnung auf die Geburt ihrer Natur.
Der Aufprall lässt sie zu ihrem Ursprung zurück finden.

Meine Welle hat sich überlebt und wird zu dem, was ihre Mutter war.
Sie lässt sich vom warmen Licht des Feuers verwöhnen während sie auf den Wind wartet. Meine Welle hofft, dass es kein Sturm sein wird, der sie zerreisst, sondern ein Wind, der sie zu neuem Leben wird erwecken können.

Meer

Claudia Biotti   •   Lizenzierte Fünf »Tibeter«® Trainerin   •   079 919 84 21   •   info@5-tibeter.ch